Stelen als Mahnmal zur Erinnerung an die Zerstörung von Mörsch im April 1945 aufgestellt

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Mahnmal roter Platz

Seit wenigen Tagen stehen auf dem Roten Platz in Mörsch die Stelen zur Erinnerung an die Zerstörung von Mörsch in den letzten Kriegstagen im April 1945. Angeregt durch den Heimatverein Rheinstetten e.V. wurde die Umsetzung des Projekts bereits im vergangenen Jahr vom Gemeinderat beschlossen. Finanziert wurde das Projekt mit maßgeblicher Unterstützung der Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe. Die Gestaltung und Ausführung der Stelen lag bei dem Karlsruher Büro Schwarz-Düser/ Düser. Die inhaltliche Ausarbeitung erfolgte durch den Heimatverein und das Stadtarchiv.

Geplant war die Feierstunde zur Übergabe der Stelen anlässlich des 75. Jahrestags des Ereignisses am 8. April 2020. Als Folge der Corona-Pandemie wurde die Feierstunde zunächst auf den Volkstrauertag verschoben. Die aktuellen Umstände haben nun die Verantwortlichen gezwungen, die ganze Feierstunde abzusagen. Dennoch soll die Errichtung des seit über einem halben Jahr fertig gestellten Mahnmals nicht mehr weiter herausgeschoben werden. Schließlich erfüllen die Stelen erst dann die ihnen zugedachte Funktion, wenn sie im öffentlichen Raum stehen und von der Bevölkerung betrachtet werden können.

Die Zerstörung von Mörsch ist ein für die Geschichte des Ortes einschneidendes und prägendes Ereignis und hat im Ortsbild und in der Geschichte zahlreicher Familien ihre Spuren hinterlassen.

75 Jahre nach Kriegsende gibt es verständlicherweise nur noch wenige Einwohnerinnen und Einwohner, die sich an die Ereignisse der damaligen Zeit persönlich erinnern und davon berichten können. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an das furchtbare Geschehen aber auch dessen Einordnung in den Gesamtzusammenhang auf anderem Wege wach zu halten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gemeinde Mörsch geprägt durch die katholische Kirche und eine starke Arbeiterbewegung. Als Folge der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 wurden aber auch in Mörsch fortan alle Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens von der nationalsozialistischen Ideologie bestimmt. Die meisten Einwohner arrangierten sich mit dem System, ein Teil unterstützte es auch aus Überzeugung. Andere litten unter dem NS-Regime, wurden verfolgt, misshandelt und umgebracht. Nur wenige leisteten Widerstand.

Die Auswirkungen des 1939 vom Deutschen Reich entfesselten Zweiten Weltkrieges bekamen auch die Mörscher Einwohner unmittelbar zu spüren. Die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage im April 1945 trafen die Zivilbevölkerung in bisher nicht dagewesener Weise. Von Karlsruhe kommend nahm die französische Armee zunächst Forchheim, dann Mörsch und Neuburgweier ein. In den folgenden Tagen kam es dort zu heftigen Kämpfen, da die deutsche Wehrmacht ein weiteres Vorrücken der Franzosen unbedingt verhindern wollte. Am 6. April ordneten die Franzosen die Evakuierung der Mörscher Zivilbevölkerung an. Zwei Tage später begann die deutsche Wehrmacht mit dem Beschuss von Mörsch, mit dem Ziel, die französische Armee zurückzudrängen. Durch den mehrtägigen Artilleriebeschuss wurden im Ortskern 116 Anwesen vollständig zerstört, viele weitere zum Teil schwer beschädigt. 17 Zivilisten starben bei den Kämpfen um Mörsch. Nach dem Rückzug der Wehrmacht und der Beendigung der Kämpfe am 10. April kehrten die Mörscher in den folgenden Tagen in ihren Ort zurück. Dort fanden sie eine Trümmerlandschaft vor.

„Mithilfe des Mahnmals soll an diese dramatischen Ereignisse und die Zäsur in der Ortsgeschichte dauerhaft erinnert werden. Daneben ist es den Initiatoren des Projekts sowie den politisch Verantwortlichen wichtig, mit den Stelen zu verdeutlichen, dass die Zerstörung eine Folge von Gewaltherrschaft und Krieg war und wie wichtig es daher ist, für Demokratie und Frieden einzutreten“, unterstreicht Oberbürgermeister Sebastian Schrempp die Bedeutung der Stelen.

Das Mahnmal besteht aus drei Stelenpaaren. Sie stehen an der Spitze des Roten Platzes, an der Ecke von Fränznickstraße und Rheinaustraße. Der Standort wurde bewusst ausgewählt, denn er befindet sich an zentraler Stelle des historischen Mörscher Ortskerns. Zur Erinnerung an die Zerstörung sind auf den Stelen historische Fotografien des zerstörten Ortes abgebildet. Diese Fotografien wurden in der Mehrheit durch Kaplan Theodor Koch angefertigt, der 1942 bis 1946 als Kaplan in Mörsch wirkte. Ergänzt werden die Fotografien durch einen erläuternden Text sowie durch Zitate des erst kürzlich verstorbenen Zeitzeugen Gebhard Heil, Pfarrer i. R.

Die Gedanken hinter der Gestaltungsidee der Stelen beschreibt Anja Schwarz-Düser vom gleichnamigen Büro so: „Die Stelenpaare weisen „Bruchstellen“ auf. Eine farbliche Akzentuierung hebt diese hervor, macht sie zum Gestaltungselement und weist ihnen eine signifikante Bedeutung zu. Sie stehen für die Lücken, die durch die massiven Zerstörungen im Stadtbild entstanden sind. Gleichzeitig markieren sie auch die Bruchstellen in den Biografien der betroffenen Einwohner.“ Die Stelen befinden sich im Zentrum der damaligen Zerstörung, einzelne Fotografien wurden so ausgewählt, dass sie der Betrachtende mit der aktuellen Ansicht vergleichen kann. Besonders augenfällig wird dies anhand eines Fotos mit dem Blick von der Straßenecke auf die zerstörte Kirche.

Franz Gerstner (li.) und Josef Gerstner bei der Enthüllung des Mahnmals Mitte November auf dem Roten Platz in Mörsch.
Franz Gerstner (li.) und Josef Gerstner bei der Enthüllung des Mahnmals Mitte November auf dem Roten Platz in Mörsch.

Dem Mahnmal liegt die umfangreiche Sammlung von Fotografien über die Zerstörung zugrunde, die Josef Gerstner und Franz Gerstner vom Heimatverein über viele Jahre zusammen getragen haben. Josef Gerstner erinnert sich an den Beginn der Sammlung „Auslöser war für mich eine Familie, die mir einige Fotos von der Zerstörung von Mörsch, die ich als Kind noch selbst miterlebt habe, zur Verfügung gestellt hat. Der persönliche Bezug zu dem Thema hat mich angespornt, gezielt nach weiteren Fotografien zu suchen.“ Im Zuge seiner Recherchen stieß er auf noch zahlreiche Fotografien, insbesondere vom bereits erwähnten Kaplan Koch. So fand Josef Gerstner auf einem Dachboden in Elchesheim, einer späteren Pfarrstelle von Theodor Koch, einen großen Teil dessen fotografischen Nachlasses.

Franz Gerstner ist zu jung, er hat das Kriegsende nicht miterlebt, kann sich aber noch gut an die Kriegsschäden an den Wohnhäusern in seiner Kindheit erinnern, auch der Anblick der Ruine des zerstörten Saals des „Gasthauses Lamm“ beim sonntäglichen Kirchgang ist ihm noch im Gedächtnis. Bereits seit seiner Jugend interessierte er sich für das Fotografieren. Insbesondere besaß er die technischen Möglichkeiten, historische Fotografien abzufotografieren und die Aufnahmen selbst zu entwickeln. In diesem Zusammenhang machte er in den 1970er-Jahren die Bekanntschaft mit Josef Gerstner und von da an pflegten und ergänzten sie gemeinsam die Sammlung der Zerstörungsbilder. Auch wenn sich das Sammlungsinteresse von Franz Gerstner im Laufe der Jahre auf historische Aufnahmen von Mörsch insgesamt ausweitete, so bildet doch das gemeinsam mit Josef Gerstner aufgebaute und inzwischen auch digitalisierte „Archiv Franz und Josef Gerstner“ der Zerstörungsbilder den Grundstock der Sammlung. Im Laufe der Jahre wuchs das Archiv auf einige hundert Fotografien an. „Irgendwann entstand die Idee, mit den Bildern in Form einer Ausstellung an die Öffentlichkeit zu gehen“, erinnert sich Franz Gerstner. So wurden die Bilder erstmals im April 1995 im Rathaus Mörsch der Öffentlichkeit gezeigt. Wegen des großen Interesses wurde die Ausstellung von zwei Wochen auf vier Wochen verlängert. 1999 gab die Gemeinde Rheinstetten auf der Grundlage des Archivs von Franz und Josef Gerstner und mit Unterstützung von Josef Spörl das Buch „Mörsch im April 1945 – Rückkehr in ein ausgebranntes Dorf“ heraus. Anlässlich des 70. Jahrestags 2015 fand nochmals eine große, sehr gut besuchte Ausstellung im Mörscher Rathaussaal statt. Bei der Ausstellungseröffnung berichtete der Zeitzeuge Gebhard Heil und der Besucherandrang war so groß, dass die Gäste bis ins Treppenhaus standen.

Im Rahmen der Überlegungen, wie der anstehende 75. Jahrestag der Zerstörung im April 2020 gestaltet werden könnte, brachte Franz Gerstner einen neuen Gedanken ins Spiel. Er schlug vor, anstelle alle paar Jahre mit großem Aufwand eine temporäre Ausstellung zu erarbeiten, den Termin zum Anlass zu nehmen, auf der Grundlage der Fotografien eine dauerhafte Erinnerung an das Ereignis zu erstellen. Der Vorstand des Heimatvereins unterstütze diese Idee gerne und trat mit dem Wunsch an Oberbürgermeister Sebastian Schrempp heran. Dieser zeigte sich sofort offen für den Vorschlag: „Solche historischen Ereignisse in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, bewahrt uns davor, Dinge in Vergessenheit geraten zu lassen. Das ist unsere Gemeinschaftsaufgabe.“ Anstelle des ursprünglich angedachten Standorts im Bereich der St. Ulrich-Kirche einigten sich die Beteiligten auf den Standort am Roten Platz. Das Büro Schwarz-Düser/ Düser wurde mit der Erarbeitung eines Gestaltungsvorschlags beauftragt. Von ihnen stammt die Idee, das Mahnmal in Form der drei Stelen zu errichten. Auch der Gemeinderat unterstützte das Projekt und stellte die beantragten Finanzmittel zur Verfügung. Die Gesamtkosten liegen bei rund 22.000 Euro, davon werden 14.000 Euro durch die Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe übernommen. Sparkassendirektor Michael Huber, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Karlsruhe, begründet die Unterstützung durch die Sparkassenstiftung mit folgenden Worten: „Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. So lässt sich auch die Botschaft, welche die Stelen auf dem „Roten Platz“ in Mörsch vermitteln, kaum in Worte fassen. Das Ausmaß der Zerstörung, das sie zeigen, macht uns auch heute, 75 Jahre später, immer noch tief betroffen und sprachlos. Umso mehr prägen sich die Bilder ein und halten mit dem Gedenken an die Ereignisse im April 1945 zugleich die Erinnerung an die davon betroffenen Menschen wach. Und sie ermahnen uns, gemeinsam alles dafür zu tun, dass sich so etwas nie mehr ereignet. Durch den erfolgreichen Wiederaufbau des zerstörten Ortskerns sind die Stelen zugleich ein Zeichen der Hoffnung und ein Zeugnis für den Gemeinsinn und Zusammenhalt, der die Bürgerinnen und Bürger von Mörsch bis heute auszeichnet. Aus all diesen Gründen ist es für uns, für die Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe, eine Herzensangelegenheit, dieses vom Heimatverein Rheinstetten initiierte Projekt zu fördern und das Mahnmal mit insgesamt 14.000 Euro zu unterstützen. Als ein Zeichen unserer Verbundenheit mit Mörsch und seinen Bürgerinnen und Bürgern – im Hinblick auf die Vergangenheit wie auch auf die Zukunft.“

Die Gesamtkoordination des Projektes lag beim Rheinstettener Stadtarchiv. Die Auswahl und Zusammenstellung der Fotografien erfolgte durch Franz Gerstner und Josef Gerstner. Größere Schwierigkeiten verursachte die erforderte Qualität der fotografischen Vorlagen. Dankenswerter Weise erhielt das Stadtarchiv im Zuge des Projektes noch originale Fotografien aus dem Nachlass des ehemaligen Mörscher Ortsbaumeisters Josef Neu, durch die qualitativ mangelhafte Vorlagen ersetzt werden konnten.

Alle Beteiligten freuen sich nun, das Projekt trotz der Pandemie-bedingten Schwierigkeiten zu einem Abschluss gebracht zu haben. Christian Spörl, Vorsitzender des Heimatvereins Rheinstetten e.V. bringt es auf den Punkt: „Die Stelen sind ein wichtiger Bestandteil des Andenkens, um an eine dunkle Zeit und die Zerstörung Mörschs zu erinnern. Die Arbeit der Herren Franz Gerstner und Josef Gerstner ist ein unverzichtbarer Baustein, um die Dokumentation der Geschichte Rheinstettens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Buch „Mörsch im April 1945 - Rückkehr in ein ausgebranntes Dorf“ und die Stelen bilden ein Ensemble, das unsere Geschichte den Bürgern näher bringt und plastisch darstellt. Ich bin sehr froh über die Unterstützung der Sparkassenstiftung und der Stadt Rheinstetten, die diese Stelen ermöglicht haben.“


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