„Opfern wird ihre Würde zurückgegeben“

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Mahnmal aus Rosteisen trägt die Namen der 15 bekannten Menschen aus Rheinstetten

Ein Mahnmal zum Gedenken an die Rheinstettener Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus wurde am vergangenen Samstag, dem nationalen Gedenktag, in Mörsch beim alten Rathaus enthüllt. Das gerade wegen seiner Schlichtheit beeindruckende Mahnmal aus Rosteisen trägt die Namen der 15 bekannten Menschen aus Rheinstetten, die der Euthanasie (aus dem Griechischen: guter Tod) zum Opfer gefallen sind, die meisten von ihnen wurden in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet, in der sich heute eine Gedenkstätte befindet. Eine Tafel macht auf ihre Geschichte aufmerksam und 15 kleine Figuren – von einem Kunstprojekt in Grafeneck – symbolisieren in einer Öffnung liegend die Toten.

In einer Feierstunde wurde das Projekt, getragen von neun Schülerinnen der letztjährigen 10. Klasse des Walahfrid-Strabo-Gymnasiums (WSG) Rheinstetten in Zusammenarbeit mit ihrem Lehrer Christoph Lembach und Stadtarchivarin Annelie Lauber als Initiatorin, vorgestellt. „Die Feierstunde ist eher ein Gedenken an ein schwieriges Kapitel auch der Rheinstettener Geschichte und das Geschehene macht sprachlos“, sagte Oberbürgermeister Sebastian Schrempp. „Den Opfern aus unserer Stadt wird ein Name und ein Gesicht, vor allem aber ihre Würde zurückgegeben“, so der OB, der insbesondere den Schülerinnen „für ihren Mut, zu hinterfragen, zu erzählen und zu mahnen“ dankte. Gerade in einer Zeit, in der wieder mehr Intoleranz anderen gegenüber zu spüren sei, sei das Projekt ein wichtiges Zeichen.

Aus Grafeneck war der in der Erinnerungsarbeit engagierte Daniel Hildwein gekommen, der betonte, dass „die Gruppe der betroffenen Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung lange Zeit nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit“ stand. Menschenverachtend waren sie als „minderwertig, Ballastexistenzen, lebensunwert“ eingestuft worden. Alle waren zuvor schon in Einrichtungen wie Heil- und Pflegeanstalten untergebracht und einfach zu teuer. Grafeneck war die erste Massenvernichtungsanstalt der Nazis. Im Dezember 1940 wurde dort „mangels Masse“ geschlossen, aber das Morden ging weiter, etwa in Hadamar, wo auch zwei Rheinstettener umkamen. Hildwein betonte, dass es „auch heute noch rechtsextremes Denken gegen Ausländer, Behinderte, Homosexuelle und andere Gruppen“ gebe. Die Bedeutung eines Mahnmals sei enorm, denn „die Geschichte an sich lehrt nichts, nur wer lernen will, lernt auch daraus“. Seit 2016 hatten sich die Schülerinnen mit Nachforschungen befasst, nachdem Annelie Lauber - sie war schon Jahre auf Spurensuche und teils bei Heimatforscher Heinrich Ell fündig geworden – das Projekt ans WSG herangetragen hatte. Unter anderem wurden in vielen Gesprächen mit Verwandten, von denen einige auch bei der Feierstunde dabei waren, Erinnerungen geweckt. „Wir haben vorher nichts gewusst. Uns allen ist aber klar geworden, wie wichtig das Thema ist und es nicht vergessen werden darf“, sagten stellvertretend die Schülerinnen Ida Hanemann und Hannah Jedlitschky. Und: „Wir sind stolz auf das Mahnmal und wollen Menschen animieren, es sich anzuschauen.“ Zur Enthüllung gingen die Menschen vors Rathaus, wo die Schülerinnen die schwarze Verhüllung wegzogen. Im Anschluss wurden im Rathaus große Tafeln mit den Biografien der Opfer aufgestellt, die ebenso in einer begleitenden Broschüre, die es unter anderem im Stadtarchiv gibt, zum Mahnmal und dem Projekt zu finden sind. (m.f.G.d.BNN)

Die Ausstellung ist noch bis Freitag, den 2. Januar, zu den Öffnungszeiten der Verwaltung im Bürgersaal des Technischen Rathauses zu sehen. Vom 3. Januar bis zum 1. März wird die Ausstellung im 1. OG des Zentrums Rösselsbrünnle gezeigt. Das Begleitheft liegt in der Ausstellung aus.


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