100 Jahre Frauenwahlrecht


Zwei Blickwinkel auf das Thema aus Rheinstettener Sicht

Bild einer Einladung zur Wahl der Abgeordneten zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung
Verfassungsgebende Versammlung: 1919 durften Frauen erstmals wählen und gewählt werden.

Bei der Wahl zur verfassunggebenden badischen Nationalversammlung am 5. Januar 1919 beziehungsweise dann der Wahl zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 besaßen Frauen in Baden beziehungsweise Deutschland erstmals das aktive und passive Wahlrecht. So durften demnach auch in der Gemeinde Forchheim, heute Stadtteil von Rheinstetten, Frauen an einer Wahl teilnehmen. Während die Unterlagen der Stadtteile Mörsch und Neuburgweier 1945 verbrannt sind, befindet sich die Akte des Ortes Forchheim zu den Reichstagswahlen in der Weimarer Republik im Stadtarchiv. Das Wählerverzeichnis der Gemeinde Forchheim für den 19.01.1919 umfasst 1.112 Wahlberechtigte, davon 633 Frauen. Die Wahlbeteiligung betrug 89,4 Prozent. Bei dieser Wahl erhielt in Forchheim die SPD 461, das Zentrum 392, die Deutsche Demokratische Partei 138 und die Deutschnationale Partei 2 Stimmen. Ab den Wahlen 1928 erfolgte die Aufteilung Forchheims in zwei Stimmbezirke, einen Stimmbezirk für die Frauen und einen für die Männer. Dies hat zur Folge, dass aus der Akte das Wahlverhalten sowohl der Frauen als auch der Männer bei den Reichstagswahlen 1928 bis 1933 genau nachvollzogen und verglichen werden kann. Während der gesamten Zeit der Weimarer Republik war die Gemeinde Forchheim dadurch geprägt, dass es sowohl eine große Anhängerschaft für das Zentrum als auch für die Arbeiterparteien gab. Die Unterlagen zeigen, dass deutlich mehr Frauen das Zentrum wählten, wohingegen die Männer der SPD oder der KPD ihre Stimmen gaben. So erhielt das Zentrum am 20. Mai 1928 339 Stimmen der Frauen und 204 Stimmen der Männer. Für die SPD waren es 261 Stimmen der Männer und nur 180 der Frauen und die KPD wählten 14 Frauen und 39 Männer. Bei dieser Wahl erhielt die NSDAP eine Frauenstimme und fünf Männerstimmen. Die Gewichtung der Stimmen ist bei den folgenden Wahlen ähnlich. Selbst die Wahl am 5. März 1933 zeigt noch das gleiche Bild, der Stimmanteil der Frauen für das Zentrum ist fast doppelt so hoch wie der der Männer (401/ 225), umgekehrt sieht es aus bei den Stimmen für SPD und KPD (224/369). Auch der insgesamt geringe Stimmenanteil für die NSDAP verteilt sich mit 84 Stimmen der Frauen zu 140 Stimmen der Männer unterschiedlich.

Es dauerte bis zum Jahr 1971, bis in den Stadtteilen des heutigen Rheinstettens erstmals Frauen für den Gemeinderat kandidierten. In Forchheim trat für die CDU Ella Grüßinger zur Wahl an, für die SPD kandidierte Magda Kalkbrenner, die auf Anhieb in das Gremium gewählt wurde. In Mörsch kandidierte 1971 Ursula Gerstner für die FDP, sie wurde aber nicht gewählt. In Neuburgweier waren bei dieser Wahl noch keine Frauen aufgestellt.

Nach dem Zusammenschluss der drei Gemeinden zur Gemeinde Rheinstetten 1975 musste ein neuer, gemeinsamer Gemeinderat gewählt werden und Neuburgweier erhielt einen eigenen Ortschaftsrat. Bei dieser Wahl traten nun erstmals Frauen aller drei Stadtteile zur Abstimmung an und erhielten auch das Vertrauen der Wähler. Sowohl die Kandidatinnen der CDU als auch der SPD wurden alle in den Gemeinderat sowie auch in den Ortschaftsrat gewählt. Unter den 26 Gemeinderäten befanden sich nun fünf Frauen und von den sechs Ortschaftsratssitzen gingen zwei an Frauen. Die Kandidatinnen hatten sich alle im Wahlkampf für die aktive Teilnahme der Frauen an der Kommunalpolitik stark gemacht. In separaten Anzeigen hatten sie für die Wahl von Frauen geworben. Die Interessenschwerpunkte der Gemeinderätinnen galten in den Anfangsjahren vornehmlich Kindern, Bildung und Senioren. Für die Gemeinderätinnen war es oft schwierig, angesichts der vielen Termine die Interessen ihrer Familien und Kinder mit der aktiven Gemeinderatstätigkeit in Einklang zu bringen. Seit 1975 sind immer Frauen im Gemeinderat vertreten, mit zeitweise acht Gemeinderätinnen waren Ende der 1990er-Jahre die meisten Frauen in den Gemeinderat gewählt, aktuell sind fünf der 22 Gemeinderäte Frauen.


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